Wie erkenne ich, ob ein KI-Tool hochrisikorelevant ist?
Hochrisiko-KI erkennen: Wann Dein KI-Tool wirklich hochrisikorelevant ist
„Wir nutzen doch nur ein kleines Tool, das Bewerbungen vorsortiert – das kann doch kein Hochrisiko sein, oder?“
Diesen Satz höre ich oft, wenn Unternehmen beginnen, sich mit dem EU AI Act auseinanderzusetzen. Was als praktischer Alltagshelfer gedacht war – ein Chatbot im Kundenservice, ein Tool zur Bildprüfung in der Produktion oder ein System, das Bewerbungen bewertet – rückt plötzlich in den Fokus regulatorischer Pflichten.
Das Überraschende: Nicht die Technologie selbst entscheidet über das Risiko, sondern der Einsatzkontext. Wenn eine KI Menschen betrifft, Entscheidungen beeinflusst oder Sicherheitsrelevanz hat, kann sie schnell in die Kategorie „hochrisikorelevant“ fallen. Und das, ohne dass jemand absichtlich eine komplexe KI einsetzt.
Viele KMU erleben diesen Moment als Aha-Erlebnis: Aus einem nützlichen Tool wird plötzlich ein Governance-Thema. Genau hier beginnt die eigentliche Aufgabe – zu verstehen, wann und wie man Hochrisiko-KI erkennt, bevor sie unbemerkt zum Compliance-Risiko wird.
Warum die wahre KI-Gefahr nicht in der Technik steckt – sondern im Anwendungskontext
Das eigentliche Missverständnis beginnt dort, wo Funktion und Risiko verwechselt werden. Viele Unternehmen beurteilen ein KI-Tool danach, was es tut – nicht, welche Wirkung es hat. Ein System, das Bewerbungen vorsortiert, klingt harmlos. Eine Software, die Qualitätsmängel erkennt, wirkt unkritisch. Doch entscheidend ist nicht der Zweck, sondern wer oder was betroffen ist, wenn die KI falsch liegt oder voreingenommen entscheidet.
Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen höre ich oft Sätze wie:
„Wir speichern ja gar keine Daten selbst.“
„Das macht alles die Cloud.“
Oder: „Wir nutzen nur die KI des Anbieters – das ist doch dessen Verantwortung.“
Doch so einfach ist es nicht. Der EU AI Act bewertet keine Technologie, sondern deren Einsatzumfeld und Wirkung. Wenn ein KI-System Prozesse steuert, die Menschen betreffen – etwa im Personalwesen, in der Bildung oder bei sicherheitsrelevanten Entscheidungen – dann kann es potenziell als Hochrisiko-System eingestuft werden, egal, ob es „nur“ aus der Cloud kommt.
Wichtig: Auch wer KI-Systeme nutzt, trägt Verantwortung – etwa für die korrekte Anwendung, Überwachung und Nachvollziehbarkeit. Nach dem EU AI Act gelten Pflichten also nicht nur für Anbieter, sondern auch für Anwender („Deployers“).
Das Problem ist also nicht mangelnde Technikkompetenz, sondern fehlendes Bewusstsein für Kontext und Wirkung. Der nächste Schritt ist, zu verstehen, wie der EU AI Act Hochrisiko überhaupt definiert – und woran Du erkennst, ob Dein Tool dazugehört.
Was „Hochrisiko-KI“ im EU AI Act wirklich bedeutet – und warum das kein Verbot ist
Der EU AI Act unterscheidet KI-Systeme nach ihrem Risiko für Menschen und Gesellschaft – nicht nach ihrer technischen Komplexität. Wenn Du verstehen willst, wie die Hochrisiko-Einstufung im AI Act funktioniert, hilft ein Blick auf die vier offiziellen Risikostufen.:
- Verbotene KI – Anwendungen, die Menschen manipulieren oder unzulässig überwachen (z. B. Social Scoring, emotionserkennende Systeme am Arbeitsplatz).
- Hochrisiko-KI – Systeme, die über Menschen oder sicherheitsrelevante Prozesse entscheiden. Hier entstehen die strengsten Pflichten – etwa für Risikomanagement, Dokumentation, Transparenz und menschliche Aufsicht.
- Begrenztes Risiko – z. B. Chatbots oder Empfehlungssysteme, bei denen Nutzer wissen müssen, dass sie mit einer KI interagieren.
- Minimales Risiko – einfache Automatisierungen ohne Einfluss auf Rechte oder Sicherheit.
Für KMU ist besonders Anhang III des EU AI Act entscheidend. Dort sind typische Hochrisiko-Anwendungsfelder gelistet – etwa:
- Personalwesen: Bewerbervorauswahl, Leistungsbewertung oder interne Beförderungen.
- Bildung: Systeme zur Bewertung oder Zulassung.
- Kritische Infrastrukturen: KI in Energieversorgung, Verkehr oder Gesundheitswesen.
- Produktsicherheit: Wenn ein Produkt (z. B. ein Roboter oder eine Maschine) durch KI gesteuert wird.
In der Praxis heißt das: Nicht jede KI ist gefährlich – aber manche brauchen klare Leitplanken. Ein System, das Fotos von Werkstücken analysiert, ist meist unkritisch. Wenn dieselbe Technologie aber Produktionsfehler erkennt, die sicherheitsrelevante Folgen haben könnten, fällt sie schnell in die Hochrisiko-Kategorie.
Hochrisiko bedeutet also nicht Verbot, sondern Verantwortung und Nachweisfähigkeit. Unternehmen dürfen diese Systeme einsetzen – müssen aber nachweisen, dass sie ein angemessenes Risikomanagement, eine technische Dokumentation, Daten- und Bias-Kontrollen, menschliche Aufsicht sowie Transparenz- und Loggingmaßnahmen eingerichtet haben.
Genau hier beginnt die Schnittstelle zwischen Technik, Governance und Compliance – und der Punkt, an dem sich zeigt, wie reif ein Unternehmen im Umgang mit KI wirklich ist.
Hochrisiko-KI erkennen: Was Du als KMU wirklich prüfen solltest
Bevor ein Unternehmen klärt, ob der EU AI Act greift, lohnt sich ein realistischer Blick darauf, wie man Hochrisiko-KI erkennt – also welche konkreten Einsatzszenarien wirklich relevant sind. In der Praxis zeigt sich schnell: Viele Tools wirken unkritisch – bis man versteht, welche Entscheidungen sie wirklich beeinflussen. Der Schlüssel liegt darin, das Anwendungsszenario strukturiert zu durchdenken, statt nur auf technische Details zu schauen.
1. Wo und wofür wird das Tool eingesetzt?
Der erste Schritt ist banal, aber entscheidend: In welchem Prozess kommt das Tool zum Einsatz – und wo greift es in Entscheidungen ein? Eine KI, die Texte zusammenfasst, ist etwas anderes als ein System, das Bewerbungen vorsortiert oder Lieferanten bewertet.
Tipp: Erstelle eine einfache Übersicht aller genutzten Tools, inklusive Zweck und Prozessbezug.
2. Wer ist betroffen?
Jede KI wirkt auf Menschen, Prozesse oder Sicherheit. Sobald Entscheidungen Auswirkungen auf Mitarbeitende, Kundinnen oder Bewerbende haben, kann das rechtlich relevant werden. Besonders sensibel sind Personalprozesse, Bewertungen, Überwachungen und sicherheitsrelevante Steuerungen.
3. Welche Entscheidungen trifft die KI direkt oder indirekt?
Auch wenn eine KI „nur vorschlägt“, wird sie oft faktisch entscheidend. Wenn niemand ihre Vorschläge prüft oder das System automatisch agiert, ist sie Teil der Entscheidungslogik. Genau das bewertet der EU AI Act als potenziell hochrisikorelevant.
4. Wie transparent ist das Ergebnis nachvollziehbar?
Kann jemand erklären, warum das System so entschieden hat? Wenn nicht, fehlt es an Erklärbarkeit und Kontrollfähigkeit – zwei zentrale Kriterien im Hochrisiko-Kontext. Transparenz bedeutet dabei nicht nur, dass Entscheidungen nachvollziehbar sind, sondern auch, dass dokumentiert ist, wo, wie und durch wen eine KI im Unternehmen eingesetzt wird. Systeme, deren Entscheidungen sich nicht nachvollziehen lassen, sind kaum auditierbar und damit riskanter einzustufen.
Hochrisiko-Checkliste (AI Act): 4 Fragen zur Selbsteinschätzung
- Trifft oder beeinflusst das Tool Entscheidungen über Menschen?
- Wird die KI in sicherheits- oder prozesskritischen Bereichen eingesetzt?
- Könnte ein Fehler der KI reale Schäden oder Benachteiligungen verursachen?
- Wird die Entscheidung der KI automatisch umgesetzt – oder manuell geprüft?
Wenn Du bei einer oder mehr Fragen mit „Ja“ antwortest, lohnt sich eine genauere Betrachtung. Das bedeutet nicht automatisch Hochrisiko – aber es zeigt, dass Governance und Nachvollziehbarkeit geprüft werden sollten, bevor rechtliche Verpflichtungen greifen.
Gerade für KMU ist dieser pragmatische Blick Gold wert. Du musst kein Jurist oder KI-Experte sein, um Risiken einzuschätzen – aber Du solltest wissen, wo Verantwortung beginnt. Wer früh Transparenz schafft, spart sich später teure Nacharbeit.
Wie Du KI-Risiken steuerbar machst – statt Dich von ihnen überrollen zu lassen
In meiner Beratungspraxis sehe ich immer wieder denselben Ablauf: Ein Unternehmen setzt ein KI-Tool ein – oft aus Begeisterung über Effizienz oder Automatisierung. Erst später, wenn Fragen zu Haftung oder Datenschutz aufkommen, entsteht die Sorge: „Haben wir hier ein Hochrisiko-System im Einsatz?“
Meine Antwort ist meist dieselbe: Panik hilft nicht – Struktur schon.
Ich gehe mit KI-Themen ähnlich um wie mit Informationssicherheit oder Business Continuity. Der erste Schritt ist immer Transparenz: Wo kommt KI überhaupt zum Einsatz, wer nutzt sie, und was entscheidet sie? Danach folgt eine Risikobetrachtung – nicht technisch, sondern organisatorisch. Ich frage: Was passiert, wenn das System falsche Entscheidungen trifft? Wen betrifft das? Gibt es eine Möglichkeit, gegenzusteuern?
Genau diese Logik lässt sich aus bestehenden Managementsystemen übernehmen.
- Aus dem ISMS (Informationssicherheitsmanagementsystem): das Prinzip der Verantwortlichkeiten und Nachvollziehbarkeit.
- Aus dem BCMS (Business Continuity Management System): der Gedanke, Kritikalität und Abhängigkeiten zu verstehen.
- Aus dem AIMS (AI Management System): der Aufbau von Governance-Strukturen für KI – mit Rollen, Prozessen und klaren Prüfmechanismen.
Was sich in der Praxis bewährt: kleine, wiederkehrende Prüfzyklen statt Einmal-Audits. Wenn Teams regelmäßig dokumentieren, welche KI-Systeme sie einsetzen und welche Risiken sie sehen, entsteht ganz von selbst eine Kultur der Kontrolle statt Angst.
Das Entscheidende ist: KI-Governance ist kein neues Monster, sondern eine Weiterentwicklung bewährter Systeme. Wer bereits ein ISMS oder BCM führt, hat 80 % der Grundlagen schon geschaffen. Der Rest ist Anpassung – keine Revolution.
So wird aus Unsicherheit Struktur – und aus Sorge Handlungsfähigkeit. Denn wer seine Risiken kennt und weiß, wie er Hochrisiko-KI erkennt, verliert die Angst davor.
Was Du über Hochrisiko-KI wirklich mitnehmen solltest
Wenn Du aus diesem Thema nur vier Dinge mitnimmst, dann diese:
- Hochrisiko entsteht durch den Einsatzkontext, nicht durch die Technologie. Eine einfache KI kann kritisch werden, wenn sie Entscheidungen über Menschen oder Sicherheit trifft.
- Transparenz schlägt Panik. Wer weiß, wo KI-Systeme im Einsatz sind und welche Wirkung sie haben, kann Risiken steuern – statt überrascht zu werden.
- Bekannte Strukturen helfen. Methoden aus ISMS und BCMS liefern genau die Werkzeuge, um KI systematisch zu bewerten: Verantwortung klären, Risiken analysieren, Maßnahmen dokumentieren.
- Hochrisiko bedeutet Verantwortung, nicht Verbot. Unternehmen dürfen KI einsetzen – sie müssen nur zeigen, dass sie den Überblick behalten.
Zum Weiterdenken:
- Weißt Du, in welchen Prozessen KI bei Euch aktiv Entscheidungen trifft – oder beeinflusst?
- Gibt es jemanden, der die Verantwortung für KI-Anwendungen offiziell trägt?
- Und wie würdest Du merken, wenn ein Tool plötzlich hochrisikorelevant wird?
Wer sich diese Fragen ehrlich beantwortet, hat bereits den ersten Schritt in Richtung gelebter KI-Governance getan.
Was Du jetzt tun kannst, um Hochrisiko-KI im Unternehmen zu erkennen
Bevor Du Dich in Gesetzestexte vertiefst, lohnt sich ein einfacher Realitätscheck. Oft zeigt sich schon nach wenigen Minuten, wo Risiken entstehen könnten – und wo nicht.
Quick-Check:
- Gibt es eine Liste aller genutzten KI-Tools und deren konkreten Einsatzzweck?
- Ist dokumentiert, welche Entscheidungen automatisiert oder KI-gestützt getroffen werden?
- Wird regelmäßig geprüft, ob regulatorische Pflichten (z. B. nach dem EU AI Act) greifen könnten?
Mini-CTA:
Wenn Du unsicher bist, ob ein Tool als Hochrisiko gilt – starte mit einer einfachen Übersicht, wo KI in Deinem Unternehmen Entscheidungen beeinflusst. Erst Transparenz schafft Steuerbarkeit – und verhindert spätere Überraschungen.
Regelwerkbezug: EU AI Act Art. 6 ff., Anhang III (Hochrisikoanwendungen); ISO/IEC 42001 Kap. 5 (Leadership & Verantwortlichkeiten), Kap. 6 (Planung & Risikomanagement), Kap. 8 (Operational Controls); ergänzend: DSGVO Art. 32 (technische & organisatorische Maßnahmen) und NIS2 (Verfügbarkeit und Sicherheitsverpflichtungen in kritischen Infrastrukturen).
Hinweis zur Einordnung
Dieser Erfahrungsartikel basiert auf realen Beobachtungen und typischen Praxismustern. Die beschriebenen Maßnahmen können Orientierung bieten – sie ersetzen jedoch keine vollständige Umsetzung regulatorischer Anforderungen (z. B. gemäß NIS2, EU AI Act, ISO 27001, ISO 42001 oder branchenspezifischer Standards).
Wenn Dein Unternehmen unter die NIS2-Richtlinie oder den EU AI Act fällt, sind zusätzliche strukturierte Analysen, dokumentierte Verfahren und ein systematischer Aufbau der Sicherheits- bzw. KI-Governance-Organisation erforderlich.
Desweiteren möchte ich explizit darauf hinweisen, dass ich kein Jurist bin und die Inhalte dieser Website keine Rechtsberatung darstellen. Bei rechtlichen Fragen oder Unsicherheiten, wende Dich bitte an einen Anwalt.
